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Der verfälschte Jesus
"Sakrileg": Roman oder Sachbuch?
Selten hat ein Film so viel Wirbel verursacht wie die Verfilmung
des Bestsellers von Dan Brown, "Sakrileg" (auf Deutsch:
Frevel), um angeblich "unterdrückte Geheimnisse"
des Christentums. Der Streifen kam am 18. Mai 2006 in die Kinos.
Obwohl es sich um eine Roman-Verfilmung handelt, ist eine breite
Diskussion über den "wahren Jesus" entbrannt, die
der Vatikan mit einem Boykottaufruf noch gefördert hat. "Sakrileg"-Experte
Alexander Schick (Westerland auf Sylt) über den Film des
Jahres, die Sakrileg-Debatte und die Irrtümer von Dan Brown.
Eine wilde Verfolgungsjagd im berühmten Louvre (Paris),
ein in Todesfurcht gehetzter Museumsdirektor, der, durch einen
Schuss tödlich getroffen, in dieser Gemäldegalerie zusammenbricht.
So beginnt der Kinofilm "The Da Vinci Code - Sakrileg".
Aber es geht nicht um einen Kunstraub, wie man vielleicht denken
möchte, sondern um einen kaltblütigen Mord, der von
einem christlichen Fanatiker ausgeführt wird. Denn: Der Museumsdirektor
ist vor allem Hüter äußerst brisanter Geheimnisse,
die Jesus Christus, Maria und die Bibel betreffen. Deshalb dürfe
er - so der fanatische Katholik - nicht weiterleben. Der todbringende
Wettlauf in der Gemäldesammlung des Louvre rührt an
den Grundlagen des Christentums, denn Hollywood präsentiert
diesmal nicht nur einen äußerst packenden Kinothriller,
sondern stellt zugleich die Bibel grundlegend in Frage.
Der meistgelesene Roman
Vorlage des Films ist Dan Browns Religionsthriller "The Da
Vinci Code", der im deutschsprachigen Europa den Titel "Sakrileg"
trägt. Das Buch gilt bereits heute mit fast 50 Millionen
verkauften Exemplaren und Übersetzungen in 44 Sprachen als
der meistgelesene Roman der Welt. In "Sakrileg" entwirft
Brown ein völlig anderes Bild über Jesus Christus, als
wir es in den Evangelien vorfinden. So ist für Brown Jesus
ein normal sterblicher Mann, der mit Maria Magdalena verheiratet
war und eine Tochter mit ihr hatte. Erst unter Kaiser Konstantin
sei im 4. Jahrhundert Jesus per Abstimmung auf dem "Konzil
von Nizäa" zu Gott erklärt worden. Konstantin hätte
daher alle früheren Aufzeichnungen über den sterblichen
Jesus vernichten lassen und eine neue, gefälschte Evangeliensammlung
in Auftrag gegeben, eben die bekannten Evangelien der Bibel. Diese
würden aber ein völlig falsches Bild von Jesus Christus
bieten. Dennoch hätten sich "authentische" Berichte
über den "wahren, menschlichen" Jesus erhalten,
die die Evangelienhäscher von Kaiser Konstantin bei ihrer
Vernichtungsaktion übersehen hätten. Dabei handle es
sich um die weltberühmten Qumran-Schriftrollen vom Toten
Meer und um die Funde von Nag Hammadi in Oberägypten. Diese
Dokumente sprächen "in einer sehr menschlichen Weise
vom Wirken Jesu". Außerdem glaubt Dan Brown, dass heute
noch Nachkommen Jesu unter uns leben würden, wie er im ZDF-Interview
am 5. Mai bestätigte. Dieses Geheimnis nun würde der
Vatikan mit allen Mitteln zu vertuschen versuchen.
Eine Nachfahrin Jesu
Nur vordergründig geht es daher in "Sakrileg" um
die Aufklärung des Mordes an dem Museumsdirektor. Die französische
Polizei bittet den "Symbolforscher" Professor Langdon
bei der Klärung des rätselhaften Mordes zu helfen. Langdon
erkennt, dass der Tote durch versteckte Hinweise auf die Werke
Leonardo da Vincis aufmerksam machen wollte - Hinweise, die auf
eine finstere Verschwörung deuten. Die Polizei verdächtigt
nun aber den Professor des Mordes, doch dieser beginnt mit eigenen
Nachforschungen und wird dabei von Sophie Neveu, einer Kryptologin
der Pariser Polizei, unterstützt, die sich später als
Enkelin des Toten und - man höre und staune - Nachfahrin
von Jesus herausstellt. Ihr Großvater sei ein führendes
Mitglied einer Geheimgesellschaft ("Priorat von Zion")
gewesen, die das letzte Geheimnis der Nachkommen Jesu hütet.
Die 100 Millionen US-Dollar teure Produktion bietet einen spannenden
Kinoabend mit bestem Staraufgebot Hollywoods. In den Hauptrollen
glänzt Megastar Tom Hanks als Prof. Langdon und die ihm -
sozusagen als charmantes "Bond-Girl" und Ur-ur-ur-...Enkelin
Jesu - zur Seite stehende Audrey Tautou (Sophie Neveau).
"Mitten in einem Krieg"
Die Werbung für den Film, der am 17. Mai die Filmfestspiele
von Cannes eröffnet, ist effekthascherisch: "Wir stecken
mitten in einem Krieg, der schon seit Ewigkeiten geführt
wird, um ein so mächtiges Geheimnis zu bewahren, das - wenn
es enthüllt werden würde - die Fundamente der Menschheit
einstürzen ließe!" Dabei bräuchte der Film
überhaupt keine Werbung mehr, denn nicht zuletzt der Vorwurf,
dass der Film blasphemisch und antichristlich sei, sowie der Boykottaufruf
des Vatikans hat das Interesse weltweit verstärkt. Kaum eine
Zeitung oder ein Fernsehsender, der nicht über den Film berichtet.
Howard und die Filmfirma Columbia lehnen es ab, im Vorspann auf
den fiktiven Charakter des Films hinzuweisen, wie dies von kirchlichen
Organisationen gefordert wurde. Im US-Fernsehen erklärte
Howard immerhin: "Da sind einige kontroverse Elemente in
der Geschichte, aber es ist Fiktion, Dan Brown beteuert das, und
ich beteure das als der Filmdirektor." Die Filmwerbung suggeriert
aber genau das Gegenteil! "Erkenne das Geheimnis - Suche
die Wahrheit ... Werden Sie Zeuge der größten Vertuschungsaktion
in der Geschichte der Menschheit!"
Roman oder Sachbuch?
Genau hier liegt das Problem bei Film und Buch. In einem US-Interview
wurde Brown gefragt: "Dieses Buch ist ein Roman. Wenn Sie
dasselbe nicht in Romanform geschrieben hätten, ... hätte
es dann anders ausgesehen?" Dan Brown: "Ich denke nicht.
Ich begann die Recherche für ,The Da Vinci Code' (Sakrileg)
als ein Skeptiker. Ich erwartete, als ich die Recherche betrieb,
diese Theorie zu widerlegen (über Maria Magdalena und ihre
Verbindung zu Jesus). Nach mehreren Europareisen und zwei Jahren
der Recherchearbeit, wurde ich ein Gläubiger."
Leonardo und der "Da Vinci Code"
Auch Leonardo da Vinci habe angeblich schon gewusst, dass Jesus
mit Maria Magdalena verheiratet gewesen sei. In seinem berühmten
Gemälde "Das Letzte Abendmahl" sei die Person an
der Seite Jesu in Wirklichkeit nicht der Jünger Johannes,
sondern eine Frau: nämlich Maria Magdalena. Leonardo da Vinci
habe dieses Geheimnis "codiert" der Nachwelt mitgeteilt
(daher der Originaltitel "The Da Vinci Code"). Der "heilige
Gral" - in den mittelalterlichen Legenden, der Kelch vom
letzten Abendmahl - sei in Wahrheit eine Person, nämlich
Maria Magdalena: der "weibliche Schoß, der das Geblüt
Christi getragen" habe, also das königliche Blut Jesu.
In Film wie Buch wird ausgiebig "Das Letzte Abendmahl"
von einem Gralsgelehrten untersucht. Dabei fleht er geradezu Prof.
Langdon und seine Assistentin Neveu (die angebliche Nachfahrin
Jesu!) an: "Sie müssen die Wahrheit in die Welt hinausschreien,
die Menschheit kann endlich befreit werden!" Jetzt sollten
Christen aufhorchen, denn hier wird die "Befreiung von dem
biblischen Jesus Christus" propagiert!
Was ist Fakt? Was ist Fiktion?
Unter der Mitarbeit von sechs namhaften Wissenschaftlern aus dem
Bereich der Bibeltext-, Jesus- und Leonardoforschung haben wir
in dem gerade erschienenen Buch "Das wahre Sakrileg"
(Knaur 2006) die zentralen Thesen von Browns Roman kritisch untersucht.
Das Fachurteil ist vernichtend!
1. War Jesus mit Maria Magdalena verheiratet?
Dan Brown behauptet in "Sakrileg" auf S. 336, "dass
die Ehe zwischen Jesus und Maria historisch verbürgt sei",
denn "nach den Anstandsregeln der damaligen Zeit war es einem
jüdischen Mann praktisch verboten, unverheiratet zu bleiben".
Der Experte antwortet: "Browns Mutmaßungen zu Ehe und
Zölibat sind durch antike Quellen widerlegt! So wissen wir
von den (jüdischen) Essenern, dass ein Teil von ihnen eben
nicht verheiratet war. Und Paulus fordert gar die Nachfolger Jesu
auf, wenn sie es können, ledig zu bleiben, um Gott intensiv
dienen zu können", so Michael Welte vom Institut für
neutestamentliche Textforschung der Universität Münster.
Dan Brown behauptet auf S. 337: "Und die Gefährtin des
Erlösers war Maria Magdalena. Christus liebte sie mehr als
seine Jünger und küsste sie oft auf den Mund."
So stehe es im apokryphen "Philippus-Evangelium". Und
weiter: "Jeder, der des Aramäischen mächtig ist,
wird ihnen bestätigen, dass das Wort Gefährtin in jenen
Tagen nichts anderes als Ehefrau bedeutet hat." Der Experte
Welte antwortet: "Die gnostischen Schriften sind nicht in
aramäischer, sondern in koptischer Sprache geschrieben, und
das Wort ist hier im Sinne einer Weggefährtin' zu verstehen.
Es geht also ganz einfach um Jüngerschaft. Auch von einem
Kuss auf dem Mund steht nichts in dem Text, der nur lückenhaft
erhalten ist. Nicht ein einziger Buchstabe ist von dem gemutmaßten
Wort Mund' zu sehen. Im übrigen bedeutet in der frühen
Christenheit der Kuss bei der Begrüßung nicht mehr
und nicht weniger als ein Symbol, es ist das Zeichen der neuen
Gemeinschaft."
2. Enthalten die Qumrantexte Geheiminformationen über
Jesus?
Dan Brown behauptet auf S. 337, dass die "Schriftrollen ...
vom Toten Meer die frühesten Dokumente des Christentums"
seien. Dazu Professor Alan Millard von der Universität Liverpool:
"Das ist einer der besonders großen Fehler. Der Mensch,
der behauptet, dass die Schriftrollen vom Toten Meer christliche
Texte seien, hat einfach keine Ahnung, worüber er spricht."
3. Hält der Vatikan die Qumrantexte unter Verschluss?
Dan Brown behauptet auf S. 323: "Natürlich hat der Vatikan
in Fortsetzung seiner Tradition der Verschleierung und Informationsunterdrückung
mit allen Mitteln versucht, die Veröffentlichung dieser Schriften
zu verhindern." Dazu Professor Claus-Hunno Hunzinger, der
in den 50er Jahren die Qumranrollen als erster deutscher Wissenschaftler
bearbeitete: "Der Vatikan hatte mit der Bearbeitung und Veröffentlichung
der Schriftrollen vom Toten Meer niemals etwas zu tun gehabt.
Er hatte überdies auch gar kein Interesse daran, die Veröffentlichung
dieser Texte zu unterdrücken, denn die Schriftrollen vom
Toten Meer gefährden keineswegs die Grundlagen des Christentums.
Ganz im Gegenteil! Sie bieten eine große Hilfe, auf dem
Hintergrund dieser jüdischen Literatur die Botschaft Jesu
besser und deutlicher zu verstehen." Hunzingers Urteil über
das Phänomen "Sakrileg": "Die Leute sind von
einer solchen religiösen Ahnungslosigkeit, dass sie jeden
Blödsinn glauben und auf den Leim gehen. Gegen Argumente
kann man wissenschaftlich argumentieren, gegen pure Phantasien
hat man nichts entgegenzusetzen, das ist wie der Kampf von Don
Quijote gegen die Windmühlen."
4. Wurde unter Kaiser Konstantin die Bibel verfälscht?
Dan Brown behauptet auf S. 318: "Das Neue Testament, wie
wir es heute kennen, geht auf ... Kaiser Konstantin zurück."
Die Evangelien wurden dabei verfälscht, und ältere Berichte
wurden daher vernichtet. Dabei seien "Tausende von Handschriften"
zerstört worden, die von einem sterblichen Jesus berichten.
Michael Welte von der Uni Münster antwortet: "Ganz im
Gegenteil! Weil viele Bibeln in den vorausgegangenen Christenverfolgungen
vernichtet worden waren, hat Konstantin im Jahre 331 für
die Hauptkirchen seines Reiches neue Bibelhandschriften herstellen
lassen." Wir haben zudem eine Vielzahl von neutestamentlichen
Papyrushandschriften aus der Zeit vor Kaiser Konstantin, der älteste
Textbeleg des Neuen Testaments reicht sogar bis in die Zeit von
100-125 n. Chr.!
5. Sitzt im "Letzten Abendmahl" Maria neben Jesus?
Dan Brown behauptet auf S. 334: "Die Frau an der Seite Jesu
wirkte jung und fromm ... Das ist Maria Magdalena." Der weltweit
führende Leonardoforscher Professor Frank Zöllner vom
Institut für Kunstgeschichte der Universität Leipzig
antwortet: "Das ist völliger Unsinn! Die Darstellung
des Johannes folgt dem damals üblichen Typus. An Leonardos
Darstellung ist in dieser Hinsicht nichts ungewöhnlich. Außerdem
wäre es für einen Künstler des 15. Jahrhunderts
völlig undenkbar, in einem Abendmahl eine Magdalena darzustellen!"
Christen sollten den Film nutzen!
Fazit: "Sakrileg" verdankt seine Popularität ebenso
unhaltbaren wie tendenziösen Tatsachenbehauptungen, die nun
auch in einem packenden Kinothriller verpackt sind. Aber ohne
die geschickt kaschierten Attacken auf das Christentum wäre
"Sakrileg" kein so großer Erfolg und Rummel beschienen.
Der Roman ist jedenfalls ein Verrat an jeder Form von Glaubwürdigkeit.
Doch Christen könnten den Rummel positiv nutzen. Der Hollywood-Star
Tom Hanks (im Film Prof. Langdon) meinte: "Ich glaube, im
Endeffekt wird der Film den Kirchen helfen, ihre Arbeit zu machen.
Wenn sie ein Schild raushängen auf dem steht: Diesen
Mittwoch diskutieren wir das Evangelium', dann werden 12 Leute
auftauchen. Aber wenn auf dem Schild steht: Diesen Mittwoch
diskutieren wir den Da Vinci Code', dann werden 800 Leute auftauchen."
Also hängen wir die Schilder in den Gemeindehäusern
raus und laden wir zu einem fundierten Gespräch über
Sakrileg, Jesus und die Bibel ein!
Übrigens: Dan Brown weigert sich, mit dem Vatikan oder Fachleuten
über die Inhalte seines Romans zu diskutieren. Bei einem
Auftritt im amerikanischen Portsmouth erklärte Brown dazu:
"Das sollen die Bibelforscher und Historiker mal schön
unter sich austragen. Das Christentum habe Galilei und Darwin
überlebt, und so werde es auch Dan Brown überleben."
Damit hat er ausnahmsweise Recht!
(idea
- Pressedienst 2006/132 vom 14.5.2006)
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