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Clifford Goldstein
Mach
mal Pause: Sabbat!
Leseprobe
Kapitel 6
Zeit zum Aufatmen
"Kommt her zu mir", sagte Jesus, "alle, die ihr mühselig
und beladen seid; ich will euch erquicken." (Matthäus 11,28)
Einer der vielen Wege Gottes, dieses Versprechen einzulösen, ist
zweifellos der Sabbat.
In ihrem Buch "Keeping the Sabbath Wholly" beschreibt Marva
J. Dawn ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Sabbat. Sie erzählt,
wie Jesus sie durch diesen Ruhetag beschenkte, als sie im Rahmen ihrer
Promotion zum Doktor der Philosophie gleichzeitig drei Fremd-sprachen
lernen mußte.
"Die einzige Möglichkeit, an Latein, Französisch und
Deutsch gleichermaßen dranzubleiben, war ein strikter Zeitplan,
der um sechs Uhr morgens begann." Marva Dawn nahm sich erst eine
Sprache vor, dann die nächste, ging in die Vorlesung und lernte
die dritte Sprache, sobald sie wieder zu Hause war.
Abends gegen elf Uhr fiel sie "wie tot ins Bett". Dieses unglaubliche
Arbeitspensum war nötig, so schreibt sie, denn "nach nur sechs
Wochen Unterricht wurde in einem zweistündigen Test in jeder Sprache
ein Vokabular von 2000 Worten abgefragt".
Nach ihrer Ansicht war es allein der Sabbat, "die Vor-freude, das
Feiern, das innere Aufatmen", das ihr die nötige Kraft und
Ausdauer für diesen Kraftakt gegeben hat. "Wenn die Woche
zu Ende ging, war der Gedanke an den kommenden Sabbat eine starke Ermutigung
durchzuhalten, und wenn ich in eine neue Arbeitswoche startete, zehrte
ich von dem Frieden des hinter mir liegenden Ruhetags
Dieser
Tag war für mich in jenem Sommer eine unvergleichliche Wohltat."
Marva - in dieser Zeit wirklich "mühselig und beladen"
- erlebte ganz praktisch, wie Christus sie durch den Sabbat segnete.
In einem Winter war ich im Süden des amerikanischen Bundesstaats
Alabama dabei, Kiefern zu pflanzen. Säckeweise schleppte ich die
Setzlinge auf dem Rücken zu dem Ort, wo sie gepflanzt werden sollten.
Ich pflanzte damals viele Hundert Bäumchen pro Tag, indem ich eine
Hacke in den Boden wuchtete, mich bückte, um das Pflänzchen
einzusetzen, und schließlich mit dem Fuß die Erde zurückschob
und festtrat. Tausendmal dieselben Handgriffe.
Unser Trupp begann beim ersten Hahnenschrei mit der Arbeit, und bis
zur Abenddämmerung pflanzten wir auf Hügeln und an Abhängen,
kämpften uns durch Dickicht und Gestrüpp, schwangen die Spitzhacken,
bückten uns nieder, setzten die Bäumchen und traten die Erde
fest. Abends kamen wir völlig ausgelaugt zum Lager zurück.
Ich kann mich nicht erinnern, daß ich mich jemals so nach dem
Sabbat gesehnt habe wie damals.
Am Freitag machte ich schon einige Stunden vor Sonnenuntergang Schluß,
um mich auf den Sabbat vorzubereiten. Ich wollte die Ruhe und den Segen
dieser heiligen Zeit voll genießen und nicht noch mit Waschen,
Einkaufen und sonstiger Arbeit beschäftigt sein, wenn der Sabbat
begann.
Damals wurde mir klar, daß ein Gesichtspunkt des Sabbatsegens
darin besteht, den Menschen vor sich selbst zu schützen. Trotz
der Schwerstarbeit liebäugelte ich manchmal mit dem Gedanken durchzuarbeiten,
um noch mehr Geld zu verdienen. Unzählige rackern sich ohne Ruhepause
ab, bis sie so ausgebrannt sind, daß sie ihren Reichtum gar nicht
mehr genießen können. Viele wollen immer nur haben, mehr
und mehr und mehr, und sie merken dabei nicht, daß die Sucht nach
materiellen Dingen sie zu Gefangenen ihrer selbst macht.
Diesem Teufelskreis von Gier und Geiz, dem rastlosen Tätigsein
und dem Sichverlieren im Diesseitigen setzt Gott den Sabbat entgegen.
"Die Sabbatruhe befreit von Habsucht", schrieb der Theologe
Samuele Bacchiocchi. "Am Sabbat lernt das Herz Dankbarkeit - einen
Tag lang nicht immer noch mehr [Dinge] anhäufen, sondern statt
dessen einmal dankbar betrachten, wieviel man schon von Gott erhalten
hat."
Rabbi Abraham Josua Heschel hat diesen Zusammenhang klar zum Ausdruck
gebracht, indem er das Sabbatgebot mit dem zehnten Gebot, das sich gegen
die Habsucht wendet, verknüpfte. Nach seinem Verständnis soll
der Sabbat die Menschen nicht nur von der Tyrannei des Zeitdrucks befreien,
sondern auch von der Habgier. "Jeder weiß, daß man
schlechte Eigenschaften nicht durch schriftliche Erlasse bekämpfen
kann. Das zehnte Gebot wäre daher ziemlich wirkungslos ohne dieses
andere, das vom Umfang her ein Drittel des Dekalogs ausmacht und im
Mittelpunkt aller Gebote steht: das Sabbatgebot."
In jedem von uns steckt ein Stück unersättliches Ich. Möglicherweise
ist das einer der Gründe, warum Gott die Sabbatruhe nicht nur empfiehlt,
sondern gebietet. Er möchte nicht, daß wir uns völlig
darin verlieren, unser Ich zu hätscheln und zu pflegen. Das würde
nicht nur anderen schaden, sondern vor allem uns selbst.
Wenn Gott uns bezüglich des Sabbats in die Pflicht nimmt, dann
hat das auch eine gewisse Schutzfunktion - wie er beispielsweise durch
das sechste und siebente Gebot unser Leben und unsere Ehe schützen
will. Leider haben viele Christen die Bedeutung des Sabbats als Heilmittel
gegen den Egoismus noch nicht erkannt.
Gott will, daß wir einmal in der Woche Arbeit und Karriere außen
vor lassen sollen, um die Hände und Gedanken frei zu bekommen für
seine geistlichen Angebote. Die Tatsache, daß dem wöchentlichen
Ruhetag in unserer Gesellschaft nicht die von Gott gewünschte Beachtung
geschenkt wird, deutet darauf hin, daß die meisten Menschen sich
beim Verfolgen ihrer Ziele nicht gern stören lassen - schon gar
nicht von Gott. Sie sind fasziniert von den Angeboten dieser Welt und
wollen das, was ihnen gefällt, möglichst sofort. Da kann die
von Gott verordnete schöpferische Pause nur hinderlich sein, denken
sie.
Wer das Sabbatgebot dagegen ernst nimmt, wird erleben, daß er
frei wird von äußeren und inneren Zwängen - frei vor
allem davon, daß sich alles immer nur um ihn drehen muß.
Das erlangt man allerdings nicht durch theologische Vorlesungen oder
Predigten über den Sabbat, sondern durch die persönliche Erfahrung,
daß jede Woche neu Stille und Frieden in mein Leben einziehen,
daß ich mit gutem Gewissen ruhen darf, daß alles andere
warten kann. Mag man das Sabbatgebot auch noch so mit Schlagworten wie
"Freiheit in Christus" abzuschwächen versuchen: Tatsache
ist, daß die Übertretung des vierten Gebotes uns auf die
eine oder andere Weise versklavt, während das Heiligen des Sabbats
den Menschen in die Weite führt.
"Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht", sagte
Jesus (Johannes 8,34) - und wer wollte behaupten, daß dies nichts
mit dem Sabbat zu tun hat? Jesus ist gekommen, um uns die Freiheit zu
schenken; und "wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich
frei" (Johannes 8,36). Der Sabbat ist nicht nur ein Zeichen dieser
Freiheit in Christus, sondern auch der Schlüssel dazu, sie ganz
praktisch zu erfahren.
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Kapitel 7
Ich bin so frei
Eines Abends war ich mit einigen Christen zusammen und beklagte dabei
die Tatsache, daß die Ehe und der Sabbat - beides Geschenke aus
dem Paradies - so sträflich mißachtet würden. Und zwar
nicht nur von weltlich gesinnten Menschen, sondern auch von vielen Gläubigen.
Eine junge Frau ärgerte sich darüber und entgegnete im Blick
auf den Sabbat erregt: "In Christus sind wir davon doch frei!"
Angesichts dieses Einwands frage ich mich natürlich: Schließt
die Freiheit in Christus die Heiligung des Sabbats aus? Und wenn das
so ist: Warum? Alles, was ich in dieser Hinsicht bisher gehört
habe, überzeugt mich nicht. Nach wie vor ist es doch so, daß
unter gläubigen Christen, welcher Kirche sie auch angehören
mögen, Ehebruch, Mord oder das Mißachten irgend eines anderen
Gebotes als Sünde bezeichnet wird.
Warum sollte das nur in einem Fall, nämlich in bezug auf den Sabbat,
anders sein? Es ist schwer einzusehen, wieso neun Gebote des Dekalogs
allgemein verbindlich sein sollen, die Mißachtung des Sabbats
dagegen zum Symbol "christlicher Freiheit" erhoben wird.
Die Reaktion der jungen Frau zeigte mir, daß "Sabbat"
und "Gesetzlichkeit" von vielen immer noch in einen Topf geworfen
werden.
Vor zweitausend Jahren hatten die Pharisäer den Ruhetag durch ihre
frommen Vorschriften tatsächlich zu einer schweren Bürde gemacht.
Doch deswegen erklärte Jesus das Sabbatgebot nicht für ungültig,
sondern bemühte sich nur, das von Menschen gemachte Joch von den
Schultern des Volkes zu nehmen. Die Tatsache, daß der Sabbat in
der Vergangenheit gesetzlich mißbraucht worden ist, kann doch
kein Grund dafür sein, ihn heute abzulehnen. Das wäre ungefähr
so sinnvoll, als würde man sich weigern, ein lebenswichtiges Medikament
zu nehmen, nur weil es Bestandteile enthält, die im Mittelalter
- unsachgemäß angewendet - Menschen das Leben gekostet haben.
Es ist tragisch, daß mancher ausgerechnet beim Sabbatgebot sofort
an starre Gesetzlichkeit denkt, obwohl es von allen Zehn Geboten am
eindrucksvollsten die Freiheit in Christus verkörpert. Der Sabbat
öffnet dem Gläubigen den Blick für die befreiende Kraft
des Evangeliums. Er ist alles andere als ein gesetzlicher Klotz am Bein.
Die Sabbatruhe ist das wöchentliche Siegel der neuen Freiheit durch
Christus.
Der Sabbat sorgt dafür, daß wir wenigstens einmal in der
Woche aufhören, uns um offene Rechnungen, Ärger in der Firma,
lästige Verpflichtungen oder den ganzen Kleinkram des Alltags zu
kümmern. Er läßt die Sorgen des täglichen Lebens
von uns abfallen, nimmt den Druck von uns und macht uns frei für
uns selbst, für den Mitmenschen und für Gott.
Echtes Sabbathalten gibt uns ein Gefühl des Geborgenseins in Christus.
Es zeigt, daß wir in dieser Welt leben und doch nicht "weltlich"
sind. Sabbathalten be-deutet Vertrauen zu Jesus. Wir müssen uns
nicht pausenlos im Geschirr unserer Wünsche und Pläne ab-rackern.
Unser Glaube an Christus macht uns frei, das Geschenk des Sabbats in
Ruhe zu genießen.
Welches andere Gebot wäre solch eine Insel im Meer des geschäftigen
Alltags? Welches andere Gebot ist Grund für uns zu sagen: "Ich
gehöre Gott; er hat mich nicht nur geschaffen, sondern auch erlöst,
und einen ganzen Tag lang will ich einfach nur darüber glücklich
sein, daß es mich gibt und daß ich erlöst bin"?
Der Sabbat ist das Tor zum Erleben der Freiheit in Christus. Den Sabbat
muß man "leben", um seine pulsierende Freude und Befreiung
zu erfahren. Wenn wir Sabbat feiern, nehmen unsere Hände eine wertvolle
Gabe Gottes an diese Welt entgegen. Der Sabbat weckt uns das Verständnis
dafür, wie sehr Gott seine Geschöpfe liebt. Das vierte Gebot
schenkt Freiheit und eine tiefe Liebe und Begeisterung für den
Schöpfer.
"Welch eine erstaunliche Fürsorge Gottes der Sabbat doch offenbart!"
schreibt Samuele Bacchiocchi. "Er ist das Herzstück von Gottes
Plan für die Freiheit des Menschen: Freiheit von der Tyrannei der
Arbeit, Freiheit von Ausbeutung ohne Rücksicht auf Verluste, Freiheit
von der Vergötterung des Menschen oder der Materie, Freiheit von
Unersättlichkeit - und Freiheit für göttlichen Segen,
um mit aufgefüllten Energiereserven und frischer Kraft den Herausforderungen
der neuen Woche zu begegnen."
Der Schweizer Theologe Karl Barth stellte fest: "Den Feiertag zu
heiligen bedeutet auch, die Freiheit zu haben, Gott in der Gemeinde
zu loben und zu verehren, zu bezeugen und zu verkünden, gemeinsam
zu danken und Fürbitte zu tun. Der Segen und Nutzen des Feiertags
hängt ganz sicher auch davon ab, inwieweit diese Freiheit in Anspruch
genommen wird."
Wer die Frage stellt: "Und was ist mit all dem, was am Sabbat verboten
ist?", der hat die Bedeutung dieses Tages noch nicht verstanden.
Die Frage ist nämlich nicht: "Was darf ich nicht tun?"
sondern: "Was brauche ich nicht zu tun?"
Dafür ein ganz persönliches Beispiel. Sechsmal die Woche hole
ich morgens meine Zeitung aus dem Postkasten. Wenn ich sie lese, muß
ich nicht nur mein Frühstück verdauen, sondern auch noch die
tägliche Portion an Mord, Totschlag und dergleichen. Aber am siebten
Morgen ist der Sabbat des Herrn, meines Gottes, da gönne ich mir
Ruhe vor Skandalen, Verbrechen und Krieg. Heute, am heiligen Sabbat,
müssen die neuesten Nachrichten warten, denn ich will mich in Gedanken
mit anderen Dingen beschäftigen.
Der Verzicht auf die morgendliche Zeitungslektüre macht natürlich
noch keinen Sabbat, und doch veranschaulicht dieses Beispiel für
mich einen wesentlichen Sinn dieses Tages. Wenn wir das Prinzip dahinter
erfassen und auf viele andere "Kleinigkeiten" übertragen,
werden wir erleben, wie der Sabbat uns freimacht für eine ganz
besondere Erfahrung mit Gott.
Gott weiß, wieviel wir zu tun haben. Deshalb gibt er uns von sieben
Tagen sechs, damit wir uns all diesen Dingen widmen können. Mag
sein, daß diese sechs Tage mitunter noch zu kurz sind, um alles
schaffen zu können, was getan werden müßte; vor allem
dann, wenn unvorhergesehene Ereignisse unseren Zeitplan durcheinanderbringen.
Hinzu kommt, daß wir ja auch in der Woche die Verbindung zu Gott
nicht abreißen lassen wollen. Wir möchten uns Zeit nehmen
zum Gebet und zum Lesen des Wortes Gottes, aber oft gelingt uns das
im Getriebe des Alltags nicht so recht. Weil Gott das schon im voraus
wußte, hat er uns den Sabbat gegeben.
Das ist der einzige Tag, an dem wir uns von den Verpflichtungen des
Alltags freimachen sollen und können, um innerlich aufzuatmen und
uns ungehindert Gott und den Menschen zuzuwenden. Das ist wohl auch
der Grund, warum der Sabbat häufig "Tag des Herrn" genannt
wird. Der Sabbat ist wirklich ein Tag der Freude und Freiheit. Durch
Jesus sind wir frei, und der Sabbat ist ein Schlüssel zu dieser
Freiheit.
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