Pro & Kontra: Müssen Pfarrer ständig erreichbar sein?

Pfarrer

Ist permanente Erreichbarkeit ein Muss? (Foto: fotolia)

(Adventisten heute-Aktuell, 14.04.2017) „Ein Christ ist immer im Dienst" war die Devise des ersten EKD-Ratsvorsitzenden, Bischof Otto Dibelius (Berlin, 1880-1967). Doch muss auch der Pfarrer immer zu sprechen sein?

PRO
Evangelisierung muss Thema Nummer eins für uns europäische Christen sein. Die Leute wissen überhaupt nicht mehr, was Christentum ist, wer Jesus Christus ist, sie glauben nicht mehr an die Auferstehung, und unsere „Angebote" nehmen sie nicht mehr an. Es gibt viele gescheite Untersuchungen, die Vermutungen anstellen, woran das wohl liegt. Aber aus der Psychotherapie wissen wir, dass die Analyse des Problems mitunter das Problem verstärkt, jedenfalls nicht löst. Deswegen hier auf engem Raum schon mal ein kurzer praktischer Vorschlag, der der Evangelisierung einen kräftigen Schub nach vorne geben wird: strenges Verbot von Anrufbeantwortern bei Pfarrern und seelsorglichen Mitarbeitern! Ich weiß, ich weiß! Lassen Sie mich doch bitte mal ausreden! Ja, ich weiß, dass jahrzehntelang alle Seelsorger darauf hingewiesen wurden, dass man „sich abgrenzen muss", wie das „professionell" hieß. Wer das nicht machte, hatte ein „Helfersyndrom" oder Schlimmeres. In Wahrheit ist es ein Segen, wenn Menschen ihren Seelsorger persönlich erreichen können, und die meisten Menschen können sich benehmen und werden dann fragen, ob es jetzt passt und wann sie sonst noch mal anrufen können. Seelsorge ist persönlich und Seelsorge ist wichtig, viel wichtiger als Psychotherapie, denn es ist eine existenzielle Beziehung, nicht bloß eine künstliche methodische Beziehung auf Zeit für Geld. Der Anrufbeantworter schreckt ab, er entwertet Seelsorger als bloße Dienstleister. Martin Bohus, Deutschlands renommiertester Therapeut für Borderline-Störung, gibt seinen Patienten seine Handynummer für Notfälle, was die erstaunlicherweise nicht missbrauchen. Wir brauchen Seelsorger, die wieder persönlich erreichbar sind.

(Der Autor, Manfred Lütz, ist (katholischer) Theologe, Bestsellerautor und Psychiater. Seit 1997 ist er Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln-Porz.)

KONTRA
„Pfarrerinnen und Pfarrer müssen erreichbar sein und ihren Dienst innerhalb angemessener Zeit im Dienstbereich aufnehmen können." So steht es im Pfarrdienstgesetz der EKD, § 37. Von „ständig" steht da nichts. Das wäre auch merkwürdig. Denn wer will einen Pfarrer, eine Pfarrerin, die ständig erreichbar ist? Im Gottesdienst an Sonn- und Feiertagen, bei Taufen, Trauungen oder Beerdigungen, im Seelsorgegespräch und im Konfirmandenunterricht? Oder im Krankenhaus, im Gefängnis und in der Schule, um nur einige wenige Dienstorte von übergemeindlichen Pfarrämtern zu nennen? Wer ständig erreichbar sein soll, von dem kann nicht erwartet werden, dass er bei der Sache ist und konzentriert auf seine Aufgaben am Evangelium und an den Menschen. Ständige Erreichbarkeit wäre zudem eine Zumutung. Und unbiblisch obendrein, denn Gott, der Herr, hat dankenswerterweise einen guten Wechsel von Arbeit und Ruhe vorgesehen. Überdies gehören regelmäßige Ruhezeiten zur Dienstpflicht von Pfarrerinnen und Pfarrern. Erreichbarkeit hingegen macht krank. Wollte man sie einfordern, erwiese man dem Evangelium und den Menschen einen Bärendienst und verweigerte die Fürsorgepflicht der Kirche gegenüber ihren Mitarbeitenden. Nichts einzuwenden aber ist gegen eine Technik, die Anliegen, Gesprächs- oder Terminanfragen notiert und eine Reaktion von Pfarrerinnen und Pfarrern „innerhalb angemessener Zeit" ermöglicht. Sie haben dann zu entscheiden, was sofort erledigt werden und was warten muss. Das ist eine große Herausforderung und bedeutet hohe Verantwortlichkeit. Pfarrerinnen und Pfarrer werden dafür bezahlt, dass sie Zeit haben. Ständige Erreichbarkeit würde ihrem Auftrag am Evangelium nicht gerecht.

(Der Autor, Andreas Kahnt (Westerstede/Oldenburg), ist Vorsitzender des Verbandes evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland.) (idea)




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