Christoph Silber: Was mich an Obama fasziniert

Portrait Christoph Silber

Christoph Silber (37) hat maßgeblich am Drehbuch des Bergsteigerdramas „Nordwand" mitgearbeitet. Er wohnt in Berlin/New York und ist mit einer Amerikanerin verheiratet.

Der Ausgang der Präsidentschaftswahl in den USA hat auch unter Christen zu unterschiedlichen Reaktionen geführt. Die einen befürchten durch den Sieg Barack Obamas den Verlust christlicher Grundwerte, die anderen sehen in ihm einen Hoffnungsträger für eine moralische Erneuerung der US-Politik. Für idea, die Evangelische Nachrichtenagentur der Evangelischen Allianz (Wetzlar), schrieb Drehbuchautor Christoph Silber (Berlin/New York), der mit einer Amerikanerin verheiratet ist und Obama im Wahlkampf unterstützt hat, einen Kommentar.

Silber, dessen Schwiegervater schwarz war und eine Stiftung für Kinder aus armen schwarzen Familien gründete, erzählt, wie seine Frau bei der Verkündung des Sieges von Barack Obama auf CNN in Tränen ausbrach und ausrief: "Wenn Daddy das erlebt hätte!" "Ich kann es nicht verhehlen, Obamas Sieg ist für meine Familie und auch für mich ein ganz persönlicher Triumph", schreibt Silber. "Wir haben gespendet, haben im Wahlkampfbüro geholfen, viele Gespräche geführt, neue Wähler registriert. Wir sind überglücklich."

Der Entscheidung, Obama zu unterstützen, sei eine sehr lange Überlegensphase vorausgegangen: "Die Vereinigten Staaten ... stecken nicht nur in ihrer tiefsten wirtschaftlichen Krise seit den 20er Jahren. Dieses Land ist in seinem sozialen Selbstverständnis, in seiner militärischen Aktivität, in seiner Definition nach innen und außen an einem so kritischen und unsicheren Punkt angelangt, dass man schon bis zu seiner Entstehungszeit zurückschauen muss, um Parallelen zu suchen."

Bezüglich des Wahlkampfs meint Silber: "Die Tonart, die die Republikaner in ihrem Wahlkampf vorgaben, erschreckte mich. Hier ging es nicht um Steuern und Jobs, um Krieg und Krankenversicherung. Hier ging es um Amerika selbst, um die Definition einer Gesellschaft, die vor dem Konkurs steht." Erschrocken habe ihn, dass Obamas Eloquenz und Bildung als etwas Subversives, den gesunden Volksgeist Schädigendes eingestuft worden sei.

Zum Anspruch der US-Amerikaner, eine Nation unter Gott zu sein, schreibt Christoph Silber: „Eine Nation unter Gott - wie konnte dieser Grundsatz überleben, wenn plötzlich Homosexuelle heiraten und Schwangere abtreiben durften? Von Bushs Wahlkämpfern als dankbares Thema entdeckt, wurde dieser Kulturkrieg zum Wesenszug republikanischer Selbstdefinition. Ein wortgewandter Ehebrecher wie Bill Clinton war der ideale Gegensatz zum nicht ganz so wortgewandten, aber dafür in Christus wiedergeborenen George W. Bush. Ich glaube auch an diesen Christus. Ich kann bezeugen, dass der Glaube mein Leben verändert und wunderbar gesegnet hat. Dennoch konnte ich mit einem Christentum, das sich mit Gewalt verteidigen muss, nie etwas anfangen. Das Großartige an Gott ist doch gerade, wie ein Rabbiner mal zu mir sagte, dass wir ihn nicht verteidigen können. Nicht verteidigen müssen."

Silber vergleicht die Grundängste, die das weiße christliche Amerika bewegen, mit den Ängsten der Deutschen und vieler Europäer: "Wer sind wir noch, was gelten wir noch mit unserer Kultur, unserer Identität und ja, unserem Glauben in einer globalisierten Welt? In den USA waren diese Ängste zweimal stark genug, um Wahlen zu entscheiden. Beim dritten Mal taten die Demokraten etwas Unerhörtes: Sie nahmen einen Mann in die engere Wahl ihrer Kandidaten, der diese Ängste verkörperte. Ich war beeindruckt vom Mut dieses Mannes. Und ich wollte wissen, was dieser Mann, dieser Christ, der einen Teil seiner Kindheit in einem islamischen Land verbracht hatte, zum Thema Religion zu sagen hatte." (edp)




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